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Ein ganz normaler Einsatz
Zu den Aufgaben der Freiwilligen Feuerwehren gehört in erster Linie die Brandbekämpfung und technische Hilfeleistung. Im einzelnen handelt es sich dabei z.B. um die direkte Bekämpfung von Schadensfeuern (Gebäudebrände, Fahrzeugbrände usw.) aber auch Sicherstellung des Brandschutzes in Form von Theaterwachen.
Bei der technischen Hilfeleistung reicht das Aufgabengebiet von der Tierrettung über die Rettung von z.B. in Kraftfahrzeugen eingeklemmten Personen bei Verkehrsunfällen bis hin zur Beseitigung von akuten Gefahren wie z.B. umgestürtzten Bäumen.

Es ist Samstag morgen, 01.35 Uhr, irgendwann kurz vor Weihnachten. So wie mir geht es weiteren ca. 25 Kameradinnen und Kameraden an diesem frühen Morgen. Schlaftrunken versucht man die Gedanken zu ordnen und ist aber schon im nächsten Augenblick aus dem Bett, zerrt sich die Hose und den Pullover über. Die Gedanken rotieren: Wurde nicht gestern Frost angesagt? Wo ist der dicke Pullover? Steht das Fahrrad bereit? Den Hausschlüssel nicht vergessen; hoffentlich ist es nicht zu schlimm.

Auch der Partner ist unweigerlich wach geworden, räuspert einem hinterher, man sollte unbedingt vorsichtig sein. -Und schon steht man vor der Tür; es ist sternenklar, kalt und windig, doch das tritt in den Hintergrund sobald man sich auf den Weg macht. Über Funkmeldeempfänger hört man wie sich bereits der Rüstwagenbei der Leitstelle anmeldet; die Bewohner des Gerätehauses sind binnen zwei Minuten nach Alarmierung einsatzbereit und können den Anlauf des Einsatzes koordinieren. Der Einsatzablauf wird gedanklich durchgespielt. Woran ist zu denken? Die Asphaltdecke glitzert heimtückisch im grellen Mondlicht. Ein Kamerad fährt im Schrittempo an mir vorbei. Vor dem Gerätehaus wird es belebt. Fast gespenstisch kommen aus allen Himmelsrichtungen die freiwilligen Helfer herbeigeeilt. - Das Fahrrad abgestellt, an den Alarmhaken im Eilschritt. "Staffelführer TLF fehlt noch", kreischt es quer durch die Halle. Die persönliche Schutzausrüstung ist komplett anzuziehen, und alle halten sich daran; die Kameraden sind da sehr diszipliniert.

Und schon sitze ich neben "meinem" Maschinisten "Hallo Helmut! Bist fitt ? frage ich ihn, wobei ich weiß, daß er "fit" ist, sonst hätte er sich nicht ans Lenkrad gesetzt. Das Fahrzeug ist 1:5 besetzt; durch einen Blick nach hinten habe ich mich von der Eignung der Kameraden für diesen Einsatz überzeugt. Der Angriffstrupp des Tanklöschfahrzeuges wird schließlich an vorderster Linie mit den Rettungsgeräten arbeiten! Mit der Anmeldung bei der Leitstelle frage ich zur Sicherheit nochmal den Einsatzort ab; nach dem ergänzenden Hinweis auf mögliche Straßenglätte quittiere ich mit einem "Verstanden Ende!" Unserem Einsatzleitwagen teile ich mit, daß "Florian Böhme 20/10" voll besetzt und einsatzbereit ist. Daraufhin wird über Knopfdruck am Tableau, welches sich in der Halle befindet, die Ampelschaltung der zu kreuzenden Verkehrsknoten zu unseren Gunsten beeinflußt; "Grüne Welle" sozusagen. Diese Möglichkeit besteht seit dem Innenstadtumbau; sie hat uns erheblich mehr Sicherheit beschert und wird konsequent genutzt.

Das Blaulicht läuft bereits. Nach einer kurzen Wartezeit signalisiert ein Leuchtzeichen, daß die Ampeln geschaltet sind. Einsatzleitwagen, Rüstwagen, Tanklöschfahrzeug, in dieser Ausrückeordnung setzen wir uns mit laufendem Martinshorn in Bewegung. 16 Kameraden mit einem Gerätewert von ca. einer Million Euro. Die Straßen sind fast menschenleer und trotzdem machen wir eine Menge Lärm; es geht schließlich um unser aller Sicherheit - da gibt es keine Kompromisse; auch der Gesetzesgeber ist da kompromißlos. Ich wünsche mir, daß einige Zeitgenossen uns in diesem PUnkt ein wenig mehr Verständnis entgegenbringen. - Wir kommen problemlos durch die Stadt. Der Einsatzleitwagen setzt sich von den übrigen Fahrzeugen ab; bald sieht man in der Ferne nur noch die Blaulichter. Jeder ist im Augenblick mit sich selbst beschäftigt. "Ich brauche nur ein Paar Gummihandschuhe" kommt es von hinten. Natürlich, seit sich die "neue Pest" AIDS unter der Menschheit ausbreitet, legen auch wir diesen Minimalschutz an. "Florian Böhme von Florian Böhme 20/60, haben Einsatzstelle erreicht, kommen!" Der Mitarbeiter in der Leitstelle quittiert diese Meldung und kann sich nun sicher sein, daß die von ihm alarmierten Kräfte den Einsatz durchführen. An die nachrückenden Fahrzeuge kommt vom ELW noch der vorsorgliche Hinweis auf extreme Straßenglätte im Bereich der Einsatzstelle. Der ELW ist also am Ort des Geschehens eingetroffen. Der Einsatzleiter wird eine Erstbeurteilung der Lage vornehmen, ggf. weitere Kräfte anfordern und Kameraden zur Verkehrssicherung und Einweisung nachrückender Fahrzeuge einteilen. - Ich drehe mich um und nehme, von einer Standardsituation ausgehend, die Einteilung der 4 Kameraden vor. Ein Trupp als Angriffstrupp für den direkten Rettungseinsatz (Schere, Spreizer, ...), den zweiten mit der Schnellangriffseinrichtung des TLF zur Abwehr möglicher Brandgefahren. Dem Maschinisten gebe ich den Hinweis auf die erforderliche Absicherung seines Fahrzeuges. Auch wir teilen der Leitstelle über Funk mit, daß wir die Einsatzstelle erreicht haben. Ein Kamerad weist uns den Standort zu, das Fahrzeug steht. Vor uns der Rüstwagen; der Lichtmast wird ausgefahren, die Einsatzstelle wird mit 2000 Watt taghell ausgeleuchtet. "Absitzen!" Jeder kennt seine Aufgaben und nimmt sie wahr. Der Rettungs- und Notarztwagen ist bereits vor Ort; die Erstversorgung wird durchgeführt. Ich gehe auf das verunfallte Fahrzeug zu, strauchle plötzlich; es ist wirklich extrem glatt. - Da "klebt" es nun förmlich an einem Straßenbaum von ca. 30 cm Durchmesser, nachdem es auf abschüssiger Straße in einer leichten Linkskruve die Fahrbahn verlassen hat. - Das Führungsteam um den Ortsbrandmeister versammelt sich am Unfallfahrzeug und bespricht das weitere Vorgehen. Der Unfallfahrer ist bei Bewußtsein und ansprechbar. Das Lenkrad drückt ihm, verursacht durch den Baum, der sich bis zur Mitte in das Fahrzeug vorgeschoben hat, auf die rechte Brusthälfte; die hintere Tür ist noch geschlossen. Der Notarzt signalisiert, daß der Zustand stabil ist. Für den Beifahrer kommt in diesem Fall jede Hilfe zu spät. Wir werden zunächst die Tür öffnen, um im Fußraum tätig werden zu können. Das Lenkrad nach vorne zu ziehen, scheidet aus, da es sich in Richtung des Verunfallten drehen würde; außerdem ist die Atmung nicht behindert.

Und schon geht es los. Mit dem Angriffstruppführer wird jede Aktion abgesprochen. Mit einem geziehlten Stoß wird die Spreizerspitze an den Türscharnieren angesetzt. Knirschend gibt das Außenblech nach, verdichtet sich dann aber und bietet das erforderliche Widerlager, um das Scharnier aus dem Blech zu reißen. Zerrend und ziehend wird die Tür, soweit dies schon möglich ist, durch viele Helferhände zur Seite gehalten. Einen kurzen Moment später ist auch das zweite Scharnier "geöffnet". Infolge der erheblichen Verformung der Fahrzeugseitenlinie durch den Aufprall laßt sich die Tür noch nicht entfernen, wobei eine Gefährdung der Insassen in jedem Fall ausgeschlossen sein muß. Die B-Säule wird zunächst oben getrennt, der Gurt mit einem Messer durchtrennt. Nun läßt sich die komplette Seitenwand mit Rüren nach unten drücken. Die B-Säule wird nochmals unten getrennt; die Seitenwand liegt nun wie eine Arbeitsplattform unter unseren Füßen.

Wir erkennen, daß das linke Bein frei ist. Am rechten Bein ist unterhalb des Knies ein offener Bruch erkennbar. Der Notarzt wird zur Begutachtung vorgelassen, die Wunde wird mit einem leichten Verband abgedeckt. Parallel zu diesen Aktivitäten wurde der hydraulische Hebesatz einsatzbereit gemacht. Er besteht aus einer Anzahl hydraulischer Zylinder mit verschiedenen Kombinations- und Verlängerungsmöglichkeiten und kann eine Kraft bis zu 15 Tonnen entwickeln. Ziel ist es, das rechte Bein freizubekommen. Der äußerst kompakte Zylinder wird in Verbindung mit Holzklötzen zwischen Bodenblech und Armaturentafel eingesetzt und fein dosiert über eine Handpumpe ausgefahren. Wir haben uns entschlossen, unterstützend das Lenkrad mit Zugkette und Spreizer aus dem Innenraum herauszuziehen. Beide Maßnahmen führen nach kurzer Zeit zum Ziel; das Bein ist frei. Bevor wir den Verunfallten aus seinem Fahrzeug holen, bekommt er vom Notarzt noch ein stark schmerzstillendes Medikament verabreicht. Innerhalb kürzester Zeit scheint er mit offenen Augen zu schlafen. Mit 6 Kameraden stehen wir bereit, um ihn auf der bereitgestellten Trage behutsam abzulegen. Schnell eine Decke, um ein weiteres Auskühlen des Körpers zu verhindern. Von nun an sind endgültig die Kollegen des Rettungsdienstes am Zuge. Sie schaffen den Verletzten in den Rettungswagen, wo alle Apparaturen zur Aufrechterhaltung der wichtigsten Körperfunktionen vorhanden sind.

Nun beginnt der Streß und die Anspannung ein wenig von uns zu weichen, denn was jetzt kommt, ist natürlich keine angenehme Aufgabe. Aber wir müssen die Dinge nüchtern betrachten, und um einen Unfalltoten zu bergen, bedarf es nun einmal nicht außerordentlicher Eile. Wir versuchen in tödlichen Fällen auch, junge Kameraden an diese schwierige Aufgabe heranzuführen, d. h. sie arbeiten mit Schere und Spreizer unter Einsatzbedingungen. - Wir suchen uns am Fahrzeug einen Anschlagpunkt für Kette oder Stropp und ziehen mit der Seilwinde des Rüstwagens (5 t.), das wie eine Krampe eingeknickte Fahrzeug vom Baum weg. Hier versuchen wir, ebenfalls von den Scharnieren der Tür ausgehend, die hintere Tür herauszunehmen. Nach mehrmaligem Nachfassen ist die Tür entfernt. Mit der Schere wird die B-Säule oben und unten durchtrennt, der Gurt durchgeschnitten und die vordere Tür mit B-Säule, soweit möglich, von Hand nach außen gezogen. Der Fußraum ist für den Spreizer zugänglich, um den Sitz nach hinten wegzudrücken. Durch Hinterlegen mit Hölzern gelingt es uns, den Sitz mit dem Unfalltoten ca. 30 cm nach hinten zu bewegen, so daß der Oberkörper freikommt. Ein wenig "Tüftelei" im Fußraum befreit auch den, bis dahin eingeklemmten, total zertrümmerten Unterschenkel. Nur gut, daß keine schlimmeren äußeren Verletzungen vorhanden sind; solche Anblicke hat niemand gerne. Viele Hände packen auch hier zu, legen die Leiche am Straßenrand ab und überdecken sie mit einem Tuch; zehn Minuten später ist das Bestattungsunternehmen zur Stelle. Diesen Job möchte ich nicht machen.

In der Anspannung des Einsatzgeschehens hat man wenig Zeit, sich mit dem Schicksal und der Tragik des Geschehenen auseinaderzusetzen; das ist sicherlich auch gut so. Es folgen Aufräumarbeiten, d.h. umherliegende Fahrzeugteile werden zusammengesucht, daß Fahrzeug mittels Seilwinde aus dem Seitenstreifen gezogen, die Batterie abgeklemmt und Ölbindemittel gestreut. Der Apschleppdienst übernimmt das Unfallfahrzeug.

In wenigen Tagen wird nur noch der beschädigte Baum und vieleicht ein schlichtes Holzkreuz sowie ein Blumenstrauß an diesen schrecklichen Unfall erinnern. Wir bekommen den Befehl zum Einrücken. Es ist 03.00 Uhr, als wir das Fahrzeug voll aufgerüstet wieder in die Fahrzeughalle fahren. Ein wenig Pflege der Einsatzkleidung, Anwesenheitsfestellung und dann muß noch der Einsatzbericht vom Einsatzleiter geschrieben werden. Um ca. 03.30 sitzen wir noch bei einer Flasche Bier oder Cola zusammen und halten zwanglos "Manöverkritik" über den gerade erlebten Einsatz ab. Nach und nach verabschieden sich die Kameraden, denn man will noch etwas schlaf einholen; ob dies allerdings jedem gelingen wird ?. Ich komme jedenfalls nach solchen Einsätzen nur sehr schwer wieder in den Schlaf, so daß ich meistens mindestens noch eine Stunde an die Einsatzdauer dranhängen kann. Alltags ist das nicht so erfreulich, man darf ja bei der Arbeit nicht durchhängen. Es hat sich sicherlich schon jede/jeder Feuerwehrfrau/mann einmal gefragt: "Warum mache ich das eigentlich?"

Es mag jeder seine eigene Antwort darauf finden; es gehört jedenfalls ein hohes Maß an Idealismus und Opferbereitschaft dazu. Vieleicht beantwortet der alte Feuerwehrleitspruch "Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr" die Frage. Hoffen wir, daß es auch in Zukunft immer wieder Frauen und Männer geben wird, die sich für ihren nächsten zur Wehr setzen.
 
 
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